Ostern in der "alten" und "neuen" Heimat
Liebe Kleinprobstdorferinnen und Kleinprobstdorfer,
einige von Euch erinnern sich sicherlich noch an meinen Text, den ich bezüglich des Weihnachtsfests verfasst hatte. Warum erwähne ich das jetzt? Nun, Ostern hat mit Weihnachten leider etwas Negatives gemeinsam: Die beiden wichtigsten christlichen Feiertage sind leider, wie so vieles in unserem heutigen Leben, stark von Kommerz und Konsum geprägt.
Ebenso wie der Einzelhandel bereits Monate vor Heiligabend sein Sortiment, seine Deko-ration und seine Werbung auf Weihnachten ausrichtet, genau dergleichen geschieht auch vor dem Osterfest: Bereits Mitte März oder bisweilen sogar Ende Februar wird man allerorts in den Läden bunter Ostereier und sonstiger Osterdekoration gewahr. Das ist in meinen Augen höchst ärgerlich, schade und bedauerlich, denn diese Reizüberflutung verdirbt einem die ganze Freude auf das eigentliche Fest. Wenn man bereits Monate vor Ostern überall (gezwungenermaßen) Ostereier sieht beziehungsweise sehen muss, wird man derer schell überdrüssig und hat sich irgendwann „sattgesehen“, sodass die Ostereier dann zu Ostern nichts Besonderes mehr sind. Soviel dazu.
Erinnern wir uns doch einmal zurück, wie Ostern in Siebenbürgen zelebriert wurde. Da ich zum Zeitpunkt unserer Auswanderung im Jahr 1990 elf Jahre alt war, kann ich von Ostern in Siebenbürgen nur aus der Perspektive eines Kindes erzählen: Sosehr Ostern hierzulande vom Kommerz geprägt ist, sosehr war Ostern in Siebenbürgen erfreulicherweise von unserem dortigen naturnahen Leben geprägt. Das fing schon damit an, dass wir uns einige Tage oder mitunter gar einige Wochen vor Ostern hinaus in den Wald begaben, um dort Moos für den Nestbau zu sammeln. Oft nahm dieses Unterfangen mehrere Stunden in Anspruch, zumal wir meistens nicht nur die Geschwister, sondern gemeinsam mit Cousins und Freunden auf Moossuche gingen. Jeder sammelte dann sozusagen für jeden. Da kam es dann öfter vor, dass wir mit mehr als einem „Fälpes“ voller Moos heimkamen. Wenn die Nester fertig waren, fieberten wir erwartungsvoll dem Osterhasen entgegen.
Ich persönlich fand das Suchen der Nester mindestens genauso spannend und aufregend wie den eigentlichen Inhalt. Im Gegensatz zu heutigen Tagen, wo viele Menschen „eingepfercht“ in Städten leben, hatte der Osterhase in Siebenbürgen in unseren Dörfern und Gemeinden mannigfaltigste Versteckmöglichkeiten für die Osternester, beispiels-weise die Scheune, den Schuppen, zahlreiche Sträucher und Hecken im Garten, dazu noch etliche Ecken und Winkel in Haus und Hof.
Hatte man alles durchkämmt und die Nestverstecke entlarvt, war die Freude oft über-schwänglich, denn das, was zutage trat, ließ offensichtlich werden, dass man für das Suchen reichlich belohnt wurde: Neben zahlreichen bunten Eiern waren zuweilen auch Süßigkeiten aus Deutschland im Nest.
Wie fast alle Kinder damals war auch ich verrückt nach derlei Süßigkeiten, sei es Bonbons, Schokolade, Kaugummi und was es sonst noch alles gibt.
Es ist für mich heute schwierig zu sagen, ob für mich früher in Siebenbürgen der Oster-sonntag oder der Ostermontag aufregender war, denn jeder Siebenbürger Sachse wird sich garantiert noch an einen Brauch erinnern, welcher auf Ostermontag datiert war: Ich spreche hier natürlich vom „Bespritzen“!
Ich muss sagen, aus männlicher Sicht war dieses „Bespritzen“ eine schöne Sache. Man hatte eine Menge Spaß, ging man doch meistens mit mehreren Jungs in einer Gruppe durch das Dorf, von Straße zu Straße, von Haus zu Haus, um den Mädchen allesamt reihum ein Paar Tropfen seines mehr oder weniger erträglich riechenden „Duftwassers“ auf das Haupt zu verabreichen, um dafür im Gegenzug ein gefärbtes Osterei zu erhalten, zumindest wenn man ein Jungspund war; Erwachsene bekamen zumeist etwas zum „Zurpen“. Wenn man dann irgendwann nachmittags oder spätnachmittags die gesamte weibliche Belegschaft des Dorfes „bespritzt“ hatte, ging man mit einem ganzen Korb oder einer Einkaufstüte voller Eier nach Hause.
Da Birthälm, wo ich von meinem 2. bis zum 11. Lebensjahr lebte, ein ziemlich großes Dorf ist, kamen so viele Eier zusammen, dass wir oftmals noch während des „Bespritzens“ zwischendurch nach Hause gehen mussten, um uns der gesammelten Eier zu entledigen. Diese wurden dann meistens zu einem leckeren Eieraufstrich verarbeitet. Vorher jedoch kamen sie noch in verschiedenen Spielen wie „Oacher tutzen“ zum Einsatz.
Wenn ich heute zurückdenke und mir die weibliche Perspektive dieses „Bespritzrituals“ vorstelle, muss ich sagen, dass mir die Mädchen Leid tun. Dass sie einsam zu Hause saßen und auf die Bespritzer warten mussten, während die Jungs vergnügt durch das Dorf zogen, erscheint mir dabei sogar noch eher als das kleinere Übel. Was noch viel schlimmer gewesen sein muss, war die Ladung „Patschuli“, welche die Frauen im Laufe des Tages von etlichen Männern in die Haare bekamen. Es dürfte für die Mädels eine olfaktorische Zumutung gewesen sein! Viele dieser „Patschulis“ rochen bereits einzeln furchtbar, ganz zu schweigen von der Mischung, die sich auf manchem Kopf ergab. Ich kann mir gut vorstellen, dass es bei vielen Frauen mehrere Tage dauerte, bis sie diesen Gestank wieder vollständig aus den Haaren herausgespült hatten.
Ich erinnere mich auch noch sehr gut daran, dass so manches Mädchen alles andere als begeistert dreinblickte, wenn wir mit mehreren Jungs, jeder mit seinem Patschuli-fläschchen „bewaffnet“, in der Tür standen und fragten: „Äs et erlouwt zem besprätzen?“ Manchmal kam es sogar vor, dass manche Mädchen weder ein „Cha“ noch ein „Näi“ über die Lippen brachten, sodass die Mutter dann stellvertretend einsprang und antwortete: „Cha frällech äs et erlouwt!“, woraufhin dann Mutter und Tochter mit den oft zweifel-haften Düften aus den Patschulifläschchen „eingenässt“ wurden.
Heute wird dieser Brauch nur noch von sehr wenigen Siebenbürger Sachsen gepflegt. Für die Männer bleibt demzufolge nur noch die schöne Erinnerung daran, während die Frauen, so vermute ich, das Ganze eher mit Erleichterung sehen, dass sie sich nicht mehr diesen größtenteils fürchterlichen Düften aussetzen müssen.
Wenn man nun noch bedenkt, dass viele unserer Siebenbürger Landsleute hierzulande in Apartments oder Wohnungen in mittelgroßen oder sogar großen Städten leben, dann stellt man fest, dass es diesen Leuten schwer möglich ist, am Ostersonntag für ihre Kinder die Osternester irgendwo zu verstecken. So bleibt vielen Kindern die aufregende Suche nach den Nestern zumeist leider verwehrt.
Wenn also der Brauch des Bespritzens ohnehin so gut wie gestorben ist, weil die Sachsen in ganz Deutschland verstreut leben und wenn es zudem vielen kaum oder nur bedingt möglich ist, ihren Nachwuchs mit versteckten Nestern zu erfreuen, wie soll man dann Ostern überhaupt feiern?
Ostern ist ja gewissermaßen, wie auch Weihnachten, ein Fest der Familie. Deshalb sollte man einfach das tun, was im oftmals hektischen (Berufs)alltag meistens zu kurz kommt: Man schenkt den Menschen, die einem viel bedeuten und einem sehr nahe stehen, am Osterwochenende viel Aufmerksamkeit und einen gehörigen Teil seiner Zeit.
Wie man diese Zeit verbringt, ist jedem selbst überlassen. Ob man eher ernst ist, sich seine Sorgen, Nöte und Ängste erzählt, oder ob man lieber ausgelassen ist, herumalbert und beispielsweise lustige Gesellschaftsspiele spielt – all das hängt sicherlich auch von der aktuellen Laune und der momentanen privaten, gesundheitlichen und beruflichen Situation ab.
Und selbstverständlich gehören zu Ostern immer auch bunte Ostereier dazu, vor allem, um sie den Kindern als kleine Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, um ihnen eine Freude zu bereiten. Überdies dürfen sich natürlich auch einige Süßigkeiten im Osternest wiederfinden, gleichwohl sollte man auf das Schenken von Spielzeug, Handys, Computerspielen und dergleichen verzichten, denn es gilt, die Kinder nicht zu ver-hätscheln, sondern sie von kleinauf zu maßvollen Bürgern zu erziehen.
Ich habe, wie bereits zu Weihnachten, wieder ein Gedicht geschrieben. Es ist zwar kein typisches Ostergedicht, dennoch halte ich es für durchaus passend, zumal es zum Nachdenken anregt beziehungsweise anregen sollte. Gerade an Ostern, einem der größten und bedeutendsten christlichen Feiertage, sollten wir alle zumindest einen Moment innehalten. Wir sollten an all jene Menschen auf dieser Welt denken, denen das Schicksal nicht so wohlgesinnt ist wie uns. Menschen, die aufgrund von Kriegen, Konflikten, Katastrophen, Krankheiten, Hunger und weiterer Not gequält und gepeinigt werden. Wir sollten darüber nachdenken, wie wir dazu beitragen können, ihr Leid zu mindern. Es darf allerdings nicht beim Denken bleiben. Dem Denken muss Handeln folgen.
Wir sollten zudem auch folgendes stets bedenken: Wir alle sind auf diesem paradiesisch schönen Planeten nur zu Gast; Die Naturschönheit und die Artenvielfalt unserer Erde für die Nachwelt zu bewahren und dazu beizutragen, dass dieser Planet auch für unsere Nachkommen noch lebens- und liebenswert ist, das ist die Pflicht jedes einzelnen Erdenbürgers. Ich persönlich halte es sogar für mehr als eine Pflicht: Ich sehe es als einen gehörigen Teil dessen, was den Sinn unseres Daseins überhaupt ausmacht.
Ebenfalls immer vor Augen halten sollten wir uns, dass Reichtum, Ruhm, Macht sowie Luxus für ein glückliches und erfülltes Leben vollkommen unbedeutend, unerheblich und somit nicht erstrebenswert sind.
Jene, denen bewusst ist, dass sich Glück wie ein Bumerang verhält, diejenigen haben den Schlüssel zum Glück gefunden: Schenke anderen Menschen Glück und Dir ist gewiss, dass Du auch Glück erfahren wirst.
Oder wie es die aus dem Banat stammende Schlagersängerin Mara Kayser in einem ihrer Lieder ausdrückte:
„Willst Du glücklich sein im Leben,
schenk’ den anderen Menschen Glück,
denn die Freude, die wir geben,
kehrt ins eigene Herz zurück!“
In diesem Sinne wünsche ich allen Kleinprobstdorferinnen und Kleinprobstdorfern ein frohes und besinnliches Osterfest.
Schöne Grüße
Uwe Schuller,
21.04.2011



